08 Aug

Angeln mit sensiblen Spitzen einst und jetzt

Ein Blogbeitrag von Michael Komuczki

England wird als die Geburtsstätte des Angelns mit sensiblen Spitzen bezeichnet. Bei der englischen Bevölkerung hat das Fischen eine große Tradition. Für viele der englischen Angler ist das Angeln nahezu eine Ideologie.  Es ist verständlich, dass gerade von den Britischen Inseln aus manch ausgeklügelte Methode und Geräteinnovation unseren Kontinent eroberte.

Die Geburtsstätte des Angelns mit sensiblen Spitzen 

Die fünfziger und sechziger Jahre im vorigen Jahrhundert waren geprägt vom wirtschaftlichen Aufschwung, welcher auch vor dem Angelbereich nicht Halt machte. Gerade in England unterlag dieser Aufschwung einer besonderen Dynamik. Das Angeln auf den Britischen Inseln unterscheidet sich einerseits in die noble Fischerei auf die Edelfischarten. Diese Art des Angelns wird in England als „game fishing“ bezeichnet.  Die Fischerei auf Weißfische, wird anderseits als „coarse fishing“ (coarse = grob) genannt. Das „coarse fishing“ ist in großen Teilen der englischen Bevölkerung sehr beliebt und so unterlagen spezielle Angelmethoden sowie das Gerät im Lauf der Jahrzehnte einer laufenden Verbesserung. Jene Epoche des Angelgeschehens, war auch der Beginn des sogenannten „Specimen Hunting – der Jagd nach besonders großen Fischen unter ausgewählten Zielfischarten. Eine tragende Rolle dabei kam dem legendären englischen Angler Richard Walker zu. Er prägte in den fünfziger und sechziger Jahren das „Specimen Hunting“. Im Laufe der Zeit bildeten sich viele der sogenannten Specimen Hunting Groups nicht nur auf den Britischen Inseln, sondern auch in Europa. Richard Walker war nicht nur ein begnadeter Angler, sondern auch jener, der am Angelgerätesektor besondere Maßstäbe setzte. In Zusammenarbeit mit Firmen wie Bruce & Walker und Hardy entstanden interessante Ruten, welche für bestimmte Einsatzbereiche gebaut wurden. So wurden auch die ersten Ruten zum Angeln mit dem Bodenblei für fließende Gewässer entwickelt. Auf Englisch auch “Legering“ genannt – das Angeln mit festliegendem Köder.

Das Angeln mit integrierter Bissanzeige begleitete mich mehr als drei Jahrzehnte meines Angellebens.

Diese ersten klassischen Ruten waren noch gesplisste Bambusruten. Die Bissanzeige erfolgte über die Rutenspitze. Einer der Vorgänger der späteren klassischen Feederruten waren diese Quiverruten. Eine zweiteilige Rute, welche mit zwei unterschiedlich harten Spitzenteilen hergestellt wurde. Das Angeln mit dem Bodenblei war gerade an den Fließgewässern die Alternative zum Schwimmerangeln (Trotting – dem Strömungsangeln) – dem treiben lassen mit der Pose in Fließgewässern.

Das Angeln mit sensiblen Spitzen und dem Bodenblei brachte mir am Donaukanal manch starke Barbe.

Speziell immer dann, wenn die Fische in Still- u. Fließgewässer ihre Einstände außer Reichweite der Schwimmerrute hatten. Das Angeln mit Ruten mit integrierter Bissanzeige wurde somit zu einem fixen Bestandteil im Angelgeschehen und unterlag einer unglaublichen Dynamik. Die Bissanzeige mit den Quiverruten war beim Angeln auf wenig sensibel beißende Grundfische kein Problem. Für die Bisserkennung von starken Barben, oder halbstarken Karpfen reichte die Sensibilität dieser Spitzenteile völlig aus. Doch beim Angeln auf Weißfische im Winter stieß man dabei an seine Grenzen. Die Bissanzeige war bei diesen Angelverhältnissen meist nicht sensibel genug. Aufgrund der gemachten Erfahrungen war ein Gerät erforderlich, um sehr feine, zaghafte Bisse zu erkennen. Man versuchte im Rutenbau dafür feinere Spitzen herzustellen. Aufgrund der gegebenen verfügbaren Materialien (Bambus bzw. Glasfaser) stieß man dabei an die Grenzen des Machbaren. Die englischen Wettangler versuchten durch Schleifen der gespließten Bambusrutenspitzenteile eine möglichst sensible Bissanzeige zu erreichen. Der englische Angler Jack Clayton hat mehr oder weniger durch Zufall im Zuge eines Gerätedefektes beim Schmirgeln (Bruch der Rutenspitze) die Schwingspitze erfunden. Der findige Gerätehändler aus Boston entwickelte aus den Erkenntnissen seines Missgeschickes die erste Schwingspitze, welche mit einer flexiblen Nylonverbindung befestigt wurde. Mit dieser sensiblen Bissanzeige waren auch sehr zaghaft beißende Grundfische zu überlisten.

Im Spätherbst war für mich schon vor mehr als zwei Jahrzehnten die Schwingspitze eine optimale Bissanzeige.

Bei den damaligen englischen Angelwettbewerben, die mit Preisgelder dotiert waren, war auch das Grundangeln zulässig. Bahnbrechend für das Angeln mit sensiblen Spitzen war jedoch die Erfindung des Spitzenringes mit Schraubgewinde. Durch das Einschrauben von Quivertip = Zitterspitze in verschiedenen Längen und Stärken 1 oz – 3 oz. konnte die erforderliche sensible Bissanzeige im Still- aber auch am Fließwasser gewährleistet werden. Diese Spitzen wurden damals aus Vollglas gefertigt. Im Zuge der Wettbewerbstätigkeit aber auch dem alltäglichen Angelgeschehens, wurden beide Techniken stetig weiterentwickelt und auch im deutschsprachigen Raum beliebt. Das Angeln mit der Schwingspitzen erlangte erst mit dem Buch „Swing Tipping“ von Fred Foster in Europa einen gewissen Bekanntheitsgrad. Mehr als ein Jahrzehnt dominierte Fred Foster die offenen nationalen Angelwettbewerbe. Sein Name war fast wöchentlich in den Angling Times Lincolnshire Fenland Results zu lesen. Er wurde zum ungekrönten „Swing Tip King“, und wurde auch „Daddy“ aller Kipper genannt. Freds Buch „Swing Tipping“ wurde zur Bibel für jeden Angler, der fortgeschrittene Prinzipien und Techniken mit der Swing-Spitze erlernen möchte.

Entwicklung im deutschsprachigen Raum 

In Europa wurden durch die großen deutschsprachigen Angelmagazine Ende der 70er Jahre die ersten Berichte zum Thema Angeln mit sensiblen Spitzen publiziert. Doch waren bei den Angelgerätehändlern damals keine Gewinde-Spitzenring erhältlich. Die deutsche Angler-Legende Rudolf Sack entwickelte zur Kompensation des Mangels die so genannte „Messingnadel“– eine bleibeschwerte Schwingspitze, die mittels eines Karabiners oder Sprengrings in den Spitzenring eingehängt wurde. Mit dem Schwing- u. Zitterspitzenangeln kam ich das erste Mal in den 80er Jahren in Berührung. Zu diesem Zeitpunkt waren schon Gewinde-Spitzenringe sowie Schwing- u. Zitterspitzen erhältlich. Lange Zeit war gerade das Schwingspitzenangeln an den Ziegelteichen in Vösendorf und später am Wiener Entlastungsgerinne und den Häfen eine sehr beliebte Angelmethode von mir. Von den Schwingspitzenanglern, von jenen die diese Technik beherrschten, wurde sie auch gefühlvoll die Abgebrochene genannt. Ich kann mich noch wie heute daran erinnern, als ich mir beim Gerätehändler Wlas zwei Admiral Grundruten kaufte und diese mit Gewinde-Spitzenring zum Schwing- u. Zitterspitzenangeln umbaute. Diese dreiteiligen 3,3 m langen Steckruten waren wie geschaffen für das Schwing- u. Zitterspitzenangeln. Das Schwingspitzenangeln ist nach einiger Zeit aber wieder in Vergessenheit geraten.

Noch heute angle ich mit der Schwingspitzenrute, die mehr als zwei Jahrzehnten alt ist.

Vermutlich auch deshalb, da das Auswerfen der Montage mit der Schwingspitzenrute für so manche nicht ganz einfach war. Nur noch sehr selten sieht man heute einen Angler an einem unserer Gewässer beim Schwingspitzenangeln. Ich angle noch heute gerne damit, speziell bei zaghaftem Beißverhalten auf kürzere und mittlere Angeldistanzen.

Der Wandel – Ruten mit steckbaren Wechselspitzen 

Es ist mir noch wie heute erinnerlich, als ich Ende der 80er meine erste Winkelpickerrute kaufte. Das edle Teil war schon aus einem hochwertigen Material gefertigt und mit drei Spitzen (fein, mittel, hart) ausgestattet. Die Rute war für die ultrafeine und feine Angelei mit kleinen Futterkörben im Stillwasser und leicht strömenden Gewässern konzipiert. Ein wesentlicher Vorteil dieser Rute war, dass die Aktion der Rute ohne Knick von der eingesteckten Zitterspitze über die Rutenspitze selbst verlief. Man kam mit dieser Rute aufgrund der kurzen Länge (2,7 m) auch an sehr beengten Angelplätzen, vor allem an kleinen Fließgewässern, gut zurecht. Das Angeln mit sensiblen Spitzen mit Bodenblei oder Futterkorb wurde immer beliebter. Die Angelgerätehersteller widmeten immer mehr Augenmerk dem erforderlichen Gerät, aber auch dem entsprechenden Zubehör für das Angeln mit sensiblen Spitzen. In dieser sehr dynamischen Zeiten wurden auch die ersten Feederruten entwickelt.

Die Feederrute ist aus dem heutigen Angelgeschehen nicht wegzudenken.

Mit Aufnahme der Produktion von Feederruten durch die führenden Angelgerätehersteller gelangte ein optimales Gerät zum Angeln in fließenden Gewässern auf den Markt. Aber auch in stehenden Gewässern bietet uns die Feederrute so manchen Vorteil. Die Angelgerätehersteller produzieren eine Vielzahl von Feederruten mit den unterschiedlichsten Wurfgewichten bzw. Aktionen, welche einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unterlagen. Von einigen Angelgeräteherstellern und Teamanglern gingen dabei besondere Akzente aus. Das ”Feedern” ist nach wie vor populär und voll im Trend. Vermutlich begründet sich dies auch darin, dass sich mit dieser Technik besonders an stark strömenden Gewässern hervorragend angeln lässt.

Ein halbstarker Feederkarpfen aus der Donau.

Eine weitere Möglichkeit des modernen Grundangelns ist die mittels der Seitenarmbissanzeige. Die Masse der Entwicklungsarbeit wurde bei dieser Art der Bissanzeige von deutschen Anglern und Geräteherstellern geleistet. Diese Bissanzeige ist von Vorteil, wenn am Angelplatz seitlich wenig Platz hat.

Fazit

Das Angeln mit sensiblen Spitzen im Speziellen das Feederrutenangeln ist heute aus dem Angelgeschehen kaum wegzudenken. Mit der stetigen Weiterentwicklung und Verbesserung des Gerätes, der Montagen, des Zubehörprogrammes und der Futtermittel entwickelte sich aus einer zu Beginn sehr einfachen Angelmethode ein wahrer Angeltrend. Dieser Angeltrend fand auch in der Wettbewerbs Szene seine Bedeutung und gipfelte darin, dass auch Weltmeisterschaften im Feederangeln ausgerichtet werden. Das moderne Grundangeln und das Angeln mit sensiblen Spitzen begeistert mich mehr als drei Jahrzehnte und hat für mich damals, als auch heute noch immer einen sehr hohen Stellenwert. Wenngleich auch die goldenen Zeiten des Friedfischangelns für uns aufgrund von mannigfachen Einflüssen (fischfressende Prädatoren, Habitatsveränderungen, Wellenschlag, Pegelschwankungen usw.) vorbei sind!

In dem von mir verfassten Buch “Modernes Grundangeln“ das im Jahre 2004 mit der Unterstützung von Balzer veröffentlicht wurde, konnte ich meine damaligen Erfahrungen und Wissen weitergeben.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Michael ein Teamangler von Balzer.
Mike Fox sagt:

Endlich wieder ein lehrreicher Beitrag aus Österreich, der das Angeln mit sensiblen Spitzen praxisrelevant darstellt! Toll gemacht!

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